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Copy, Paste, Verkörperung?

Perfekt – das ist tatsächlich ein ganz wesentlicher Punkt, den ich hier unbedingt mit aufnehmen möchte, diese paradoxe Logik nämlich, dass wir alle irgendwie glauben, durch Effizienz und diese „Klingt-gut”-Sätze und KI-Professionalität erfolgreicher, schneller und besser zu sein – und uns damit, ja sorry, aber das muss mal gesagt werden, selbst austauschbar machen. Wie absurd ist das denn bitte? 😉


Vielleicht kennst du das auch schon, dieses Gefühl, wenn du durch Instagram scrollst und dir vorkommt, als hättest du das alles schon mal gelesen, nur eben in anderen Farben und mit anderen Fotos unterlegt. Diese ganzen schön gestalteten Posts mit ihren professionell klingenden Captions, den ChatGPT Symbolen, die sonst absolut niemand nutzt und diesen perfekt formulierten Coachingbotschaften, die alle irgendwie dasselbe sagen:


„Du darfst ganz du sein.”

„Folge deinem Weg.”

„Alles beginnt mit deiner Entscheidung.”


Authentizität - Eigenverantwortung - Verkörperung


Und trotzdem – und das ist das Verrückte – berührt dich nichts davon wirklich. Nichts bleibt hängen, nichts hallt nach. Es ist, als hätte man es alles schon tausendmal gelesen, nur eben anders eingefärbt, mit anderen Bildern, in einer neuen Schriftart. Was passiert da eigentlich?


Ich kann dir sagen, was passiert: Es liegt nicht an der künstlichen Intelligenz. Die kann ja nichts dafür. Rein wie raus! Es liegt daran, wie wir sie benutzen. Oder vielleicht besser gesagt: wie wir sie NICHT nutzen, nämlich als das, was sie sein könnte – ein Werkzeug, ein Partner, ein Gedankenanstoß. Stattdessen machen wir sie zu unserem Ersatz.


Die Ordnung der Maschine – und unsere Sehnsucht nach Struktur


Es gibt da einen Begriff, den die Professorin Johanna Degen geprägt hat, und der ist wirklich brilliant: epistemische Autorität. Das bedeutet nämlich nichts anderes, als dass wir etwas für wahr und glaubwürdig halten, nur weil es ordentlich klingt, vollständig aussieht, strukturiert daherkommt – und nicht etwa, weil es tatsächlich wahr oder relevant wäre.


Und das trifft auf ChatGPT und andere Sprachmodelle zu wie die Faust aufs Auge! Denn ja, die KI antwortet so, wie wir es alle in der Schule gelernt haben (und wie es uns bis heute korrekt erscheint): Mit Einleitung, Hauptteil, Schluss. Mit sauberen Bullet Points. Mit diesen perfekt strukturierten Sätzen, die niemals über ihre eigenen Füße stolpern, aber halt auch nie was Neues ausdrücken.

Habt ihr mal Benjamin von Stuckrad-Barre gelesen?! Kann man mögen oder auch nicht, aber seine Art zu schreiben ist aussergewöhnlich, wirklich außergewöhnlich. Sowas schreibt keine KI.


Anders bei ChatGPT:

Wir schauen drauf und denken: „Wow, das klingt ja richtig gut!” Wir lesen weiter und denken: „Das klingt sogar besser als das, was ich geschrieben hätte!” Und genau da fängt das Problem an, denn wenn wir nicht nur inspiriert werden (was ja völlig okay wäre), sondern beginnen zu kopieren – dann verwechseln wir Form mit Substanz. Und das ist, sorry, aber das muss ich so deutlich sagen, ein ziemlich großer Fehler. Das macht dich weder erfolgreich, authentisch, verkörpert oder großartig.

Gerade nicht, wenn du genau das verkaufen möchtest. Den eigenen Weg , zu sich selber finden etc.

Das ist auch der Grund, warum niemand drüber spricht. Würde man, vorausgesetzt man müsste nicht sagen, dass man eigentlich nur noch copy&Paste benutzt. Sich inspirieren zu lassen, Bücher zusammenzufassen (ohne die Zusammenfassung als die eigene weiterzugeben) und zu lernen sind alles keine Gründe aus denen man die Nutzung abstreiten würde. Wir haben alle ein feines Gespür dafür, was korrekt ist und was aus Faulheit erleichtert.

Niemand, wirklich niemand, empfindet eine mit ChatGPT überarbeitete E-Mail als Wertschätzung.

Aber klar, wir gehen in ein Zeitalter des vorbildlichen Verhaltens, vielleicht der Individualität und vorher kommt die Heuchlerei - solange es eben noch nicht echt und verkörpert ist. Fake it, till you make it. Wer‘s mag …


Johanna Degen beschreibt das in einem Podcast bei Hotel Matze (den solltet ihr euch mal anhören, wirklich!) sehr treffend, wenn sie sagt: „Oft sind die Sätze richtig gut – aber wenn man sich fragt: Hat der Satz eine Aussage? Ist es ein Mehrwert? Kommt das nochmal vor im Kontext ? Dann steht da eigentlich Quatsch. Wir glauben, es sei klug, weil es aussieht wie eine Antwort.”


Und genau das passiert eben auch auf Instagram, jeden Tag, tausendfach. Wir sehen einen KI-generierten Text – sauber, schnell, „on point”, wie man so schön sagt – und denken: „Perfekt! Das kopiere ich mir mal eben.” Zack, fertig, gepostet. Aber der Text klingt eben nicht nach dir. Und dadurch, und das ist das Perfide daran, nach nichts.


Von Inspiration zu Imitation – Die große Sprachverarmung


Versteh mich nicht falsch: ChatGPT kann ein großartiges Werkzeug sein! Ein Gedankenanstoß, ein Ideengeber, ein Co-Autor, der dir hilft, deine Gedanken zu sortieren oder neue Perspektiven zu entdecken. Aber – und das ist ein großes Aber – du bist der Mensch in dieser Gleichung. Du bist der Resonanzkörper. Du bist derjenige, der Erfahrungen gemacht hat, der Geschichten zu erzählen hat, der eine ganz eigene Art hat, die Welt zu sehen.


Und was du in die Welt gibst, das lebt nicht von der KI, sondern von deinem Bewusstsein, von deiner Art zu denken, von deinen Zweifeln und deinen aha-Erlebnissen und Erkenntnissen, von dem, was dich nachts wachhält und morgens antreibt.


Aber viele (und ich sage bewusst nicht alle, weil es gibt durchaus Menschen, die es anders machen) nutzen die KI eben nicht als Denkpartner, sondern als Shortcut, als Abkürzung zu vermeintlich besseren Inhalten. Wie schreibe ich einen Instagram-Post über Selbstwert?

Gib mir zehn Coaching-Captions zum Thema Vertrauen.

Und das tut ChatGPT dann auch – brav, fleißig, effizient, wie eine perfekte Sekretärin, die nie schlechte Laune hat.


Doch was dabei herauskommt, ist immer dasselbe: Worte ohne Echo, Aussagen ohne Tiefe, Erkenntnisse ohne Risiko. Und wenn alle die gleichen Quellen verwenden – wie soll dann noch etwas entstehen, das heraussticht? Wenn alle Texte professionell klingen – wie soll dann noch etwas persönlich wirken? Das ist doch logisch, oder?


Die Coaching-Bubble und das Copy-Paste-Dilemma


Das wirklich Absurde an der ganzen Geschichte ist ja (und da muss ich schon fast lachen, wenn es nicht so traurig wäre): Ausgerechnet in der Coaching-Bubble, wo es doch eigentlich um Verkörperung geht, um Authentizität, um Selbstausdruck und Transformation, um all diese wunderbaren Dinge, die das Leben reicher und tiefer und für den anderen auch hilfreich machen – ausgerechnet da wird am meisten kopiert!


Da stehen dann Sätze wie:

„Zeig dich echt.”

„Lass deine Maske fallen.”

„Du bist gut, so wie du bist.”


Und dann? Dann posten alle denselben Satz – von ChatGPT generiert, versteht sich. Eingefärbt in Pastell (meistens Rosa oder Beige oder mit persönlichem Foto, hab ich Hashtags: #authentisch #echt #embodied.


Aber nichts davon ist verkörpert! Nichts davon ist Risiko! Nichts davon bist du! Es ist, als würde man „Sei spontan!” auf ein Schild schreiben – merkst du, wie absurd das ist? 😉


Der paradoxe Fehler: Effizienz tötet Wirkung


Was hier passiert, ist psychologisch gesehen wirklich hochinteressant (und Johanna Degen analysiert das auch sehr treffend), denn wir tun Dinge, die strategisch sinnvoll erscheinen – wie zum Beispiel ordentlich strukturierte KI-Texte zu posten, die professionell klingen und alle wichtigen Punkte abarbeiten –, die aber systematisch nicht zu dem führen, was wir eigentlich wollen: Verbindung, Berührung, Vertrauen, echte Beziehungen zu Menschen, die uns verstehen und mit denen wir in Resonanz gehen können.


„Diese Ordnung wirkt überzeugend – aber sie verhindert Beziehung. Weil sie keine Reibung zulässt”, sagt Degen, und ich finde, das trifft es perfekt.


Und genau das zeigt sich eben auch auf Instagram, täglich, stündlich sogar. Alle wollen mehr Sichtbarkeit (verständlich!), mehr Follower (auch okay!), mehr Buchungen (müssen wir ja auch alle leben!). Also machen sie das, was funktioniert. Oder besser gesagt: das, was alle für funktional halten, weil es halt so aussieht, als müsste es funktionieren.


Das sind dann: glatte Texte ohne Ecken und Kanten, klare Tipps in schönen Listen, keine Umwege, keine Zweifel, keine Suchbewegungen – Effizienz statt Emotion, Perfektion statt Persönlichkeit. Und vor allem… der immer gleiche Kram gähn.


Aber gerade dadurch entsteht – und das ist das wirklich Tragische daran – Austauschbarkeit. Und das, was sie eigentlich wollten (Verbindung, Vertrauen, Sichtbarkeit), wird dadurch nicht mehr möglich, weil sich niemand mehr erinnert, wer du eigentlich bist, was dich ausmacht, was an dir besonders ist, warum gerade du etwas zu sagen hast.


Was „authentisch” wirklich heißt – und warum ChatGPT dir dabei helfen könnte


Hier kommt jetzt die eigentliche Pointe, und die wird dir vielleicht nicht gefallen, aber ich sag sie trotzdem: Die KI ist nicht das Problem. Sie ist sogar ein verdammt gutes Werkzeug! Aber nur dann – und das ist die Bedingung –, wenn du dich traust, selbst zu denken, selbst zu fühlen, selbst zu zweifeln und zu suchen.


Nutze ChatGPT gerne, um Fragen zu stellen, um Widersprüche zu entdecken, um deine Gedanken zu sortieren, um neue Blickwinkel zu finden – aber schreib dann bitte, bitte deinen Text selbst. Und wenn du etwas übernimmst (was ja auch völlig okay ist), dann verändere es so, dass es sich wirklich wie du anfühlt, nach deiner Art zu denken, nach deiner Art, Dinge zu betrachten.


Denn authentisch ist nicht, einen Post zu schreiben und #authentic drunter zu setzen oder ein #sunset.

Authentisch ist: dir dabei zuzuhören, wie du ringst, zweifelst, dich an ein Thema herantastest. Wie du ausweichst und wieder zurückkommst. Wie du deine Stimme findest – in all ihrer wunderbaren, menschlichen Unvollkommenheit und Besonderheit. Wenn DU erkennbar bleibst.


Und was, wenn du gar keine Worte hast?


Dann schreib das! „Ich weiß nicht, was ich sagen soll.” Das ist oft der ehrlichste Satz, den du schreiben kannst. Und oft der Beginn von etwas wirklich Echtem, etwas, was Menschen berührt, weil es so menschlich ist.


Die Sehnsucht nach Effizienz ist ja nachvollziehbar, das verstehe ich total. Wir sind müde (wer ist das nicht?), wir haben viel um die Ohren, der Alltag ist oft schon anstrengend genug, und dann soll man auch noch ständig Content produzieren. Und KI verspricht: Erleichterung. Schnelle Lösungen. Perfekte Texte ohne Aufwand. Der perfekt organisierte und digitalisierte entspannte Mum mit 3 Kids und Selbständigkeit Alltag. Glaubst du das wirklich??


Aber vielleicht – und das ist jetzt nur ein Gedanke, den du gerne auch wieder verwerfen kannst – brauchen wir gar nicht noch mehr Erleichterung. Sondern mehr Erlaubnis zur Unvollkommenheit. Mehr Leere vor dem Schreiben. Mehr Stille, bevor wir sprechen. Mehr Mut, einfach mal nichts zu posten – bis da wirklich etwas zu sagen ist, was aus dir kommt, nicht aus einer Maschine.


Fazit: Schreib wieder. Denk wieder. Zeig dich wieder.


Du darfst ChatGPT benutzen, das ist völlig okay! Ich tue es auch, und zwar gerne und oft. Aber wenn du daraus nur die nächste Coaching-Caption bastelst, die genauso klingt wie die von hundert anderen auch, dann sei ehrlich zu dir: Es ist nicht dein Text. Es ist nicht deine Sprache. Es ist nicht dein Ausdruck. Es ist nicht das, was du der Welt zu geben hast.


Und dann brauchst du dich auch nicht wundern, wenn es niemanden berührt, wenn niemand hängen bleibt, wenn sich niemand erinnert.


Echtheit entsteht nicht durch KI – aber auch nicht durch Abgrenzung von ihr. Echtheit entsteht, wenn du dich wieder zeigst. Mit deinen Worten, deiner Stimme, deinem ganz eigenen Denken, mit dem, was dich umtreibt und beschäftigt.


Und wenn du ChatGPT dafür nutzt, dann gerne! Aber als Partner, nicht als Platzhalter. Als Werkzeug, nicht als Ersatz für dich.


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PS: Wenn du das Gefühl hast, du könntest dich eigentlich auch wieder mehr zeigen – aber nicht weißt, wie das gehen soll oder wo du anfangen könntest, dann fang klein an. Mit einer echten Frage, die dich beschäftigt. Mit einem halbfertigen Text, der noch nicht perfekt ist. Mit einem Post, der vielleicht ein bisschen holprig ist, aber dafür deiner ist.


Denn wir brauchen nicht mehr Tipps und Tricks und perfekte Formulierungen. Wir brauchen mehr Menschen. Echte Menschen, mit echten Gedanken und echten Geschichten.


Und du bist einer davon 😊

 
 
 

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