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Virtueller Autismus

Kinder vor Bildschirmen
Kinder vor Bildschirmen

Warum manche Kinder autistisch wirken – und warum das nicht dasselbe ist


Der Begriff „virtueller Autismus“ ist kein diagnostischer Terminus. Er taucht weder im DSM-5 noch in der ICD-11 auf, findet sich in keiner Leitlinie und ist wissenschaftlich nicht operationalisiert. Und dennoch wird er in den letzten Jahren auffallend häufig verwendet – von KinderärztInnen, SprachtherapeutInnen, Frühförderstellen, PsychologInnen und nicht zuletzt von Eltern, die versuchen zu verstehen, was sie bei ihren Kindern beobachten.

Diese Spannung – zwischen fehlender offizieller Anerkennung und wachsender Alltagspräsenz – macht den Begriff erklärungsbedürftig. Nicht, um ihn vorschnell zu legitimieren, sondern um sauber zu klären, welches Phänomen hier eigentlich beschrieben wird – und wo die begrifflichen wie fachlichen Grenzen liegen.


Autismus ist keine Metapher#


Eine erste Präzisierung ist notwendig, weil sie häufig unterschlagen wird: Autismus ist keine Verhaltensbeschreibung, sondern eine neurobiologische Entwicklungsvariante. Autismus-Spektrum-Störungen beruhen auf genetischen und epigenetischen Faktoren, die die neuronale Vernetzung, Reizverarbeitung und soziale Kognition betreffen. Zahlreiche Zwillings- und Familienstudien zeigen eine hohe Heritabilität, je nach Studie zwischen etwa 60 und 90 Prozent.


Autismus entsteht nicht durch Medienkonsum, nicht durch Erziehungsstile, nicht durch „zu wenig Ansprache“. Diese Vorstellung ist nicht nur fachlich falsch, sondern historisch belastet – man denke an die längst widerlegte Theorie der „Kühlschrankmutter“.


Wer über „virtuellen Autismus“ spricht, muss deshalb von Anfang an deutlich machen: Es geht nicht um Autismus selbst, sondern um autismusähnliche Symptome, die aus anderen Gründen auftreten können.


Was tatsächlich beobachtet wird


In der klinischen Praxis werden seit etwa zehn bis fünfzehn Jahren vermehrt Kinder vorgestellt, die:

  • einen deutlich verzögerten Spracherwerb zeigen

  • wenig oder keinen Blickkontakt aufnehmen

  • kaum geteilte Aufmerksamkeit entwickeln

  • auf Ansprache verzögert oder gar nicht reagieren

  • im Spiel stereotyp oder ungewöhnlich passiv wirken

  • auf den Zehnen laufen


Diese Merkmale überschneiden sich mit diagnostischen Kriterien aus dem Autismus-Spektrum. Gleichzeitig berichten Eltern in vielen dieser Fälle von einer frühen, regelmäßigen und oft umfangreichen Mediennutzung, teilweise bereits im ersten oder zweiten Lebensjahr.

Hier beginnt die eigentliche fachliche Fragestellung – nicht bei der Etikettierung, sondern bei der Entwicklungslogik.


Was die Datenlage zu früher Mediennutzung sagt


Die Forschung zur frühen Bildschirmexposition ist in den letzten Jahren deutlich gewachsen. Einige Befunde gelten mittlerweile als relativ gut abgesichert:

  • Mehrere große Kohortenstudien zeigen einen Zusammenhang zwischen Bildschirmzeit vor dem zweiten Lebensjahr und Sprachverzögerungen.Eine kanadische Langzeitstudie (Birken et al., 2017) fand beispielsweise, dass jede zusätzliche 30-minütige tägliche Bildschirmzeit im Kleinkindalter mit einem signifikant erhöhten Risiko für expressive Sprachverzögerungen verbunden war.

  • Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt seit 2019 für Kinder unter zwei Jahren keinerlei Bildschirmzeit, für Zwei- bis Vierjährige maximal eine Stunde täglich – ausdrücklich mit Verweis auf die Bedeutung von Bewegung, Schlaf und sozialer Interaktion.

  • Metaanalysen zeigen zudem Zusammenhänge zwischen früher, intensiver Bildschirmnutzung und späteren Aufmerksamkeitsproblemen, wobei die Effekte moderat, aber konsistent sind.


Wichtig ist dabei eine Differenzierung, die in öffentlichen Debatten oft fehlt: Diese Studien belegen Korrelationen, keine einfachen Ursache-Wirkungs-Ketten. Sie zeigen Risiken, keine Determinismen.


Warum Korrelation hier trotzdem relevant ist


Gerade in der frühen Entwicklung sind Korrelationen nicht banal. Das kindliche Gehirn befindet sich in hochsensiblen Phasen, in denen bestimmte Erfahrungen – oder ihr Ausbleiben – strukturelle Effekte haben können.

Sprache, soziale Orientierung und Emotionsregulation entstehen nicht allein durch Exposition, sondern durch Interaktion. Das ist neurobiologisch gut belegt: Spiegelneuronen, frontotemporale Netzwerke und die Entwicklung exekutiver Funktionen reifen in sozialen Resonanzprozessen.

Digitale Medien liefern Reize, aber keine Resonanz. Sie reagieren nicht kontingent auf das Kind, passen sich nicht an Tempo, Affekt oder Aufmerksamkeit an. Selbst sogenannte „interaktive“ Formate bleiben letztlich eindimensional.

Für ein unreifes Nervensystem bedeutet das: Stimulation ohne Ko-Regulation.


Autismusähnliche Symptome – ein entwicklungslogischer Effekt


Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum manche Kinder autismusähnliche Verhaltensweisen entwickeln, ohne autistisch zu sein. Sie haben nicht „Autismus durch Medien“, sondern Entwicklungsverzögerungen oder -entgleisungen in genau den Bereichen, die besonders beziehungsabhängig sind:

  • Sprache

  • soziale Orientierung

  • geteilte Aufmerksamkeit

  • Affektregulation


Der entscheidende Unterschied liegt nicht im äußeren Erscheinungsbild, sondern in der inneren Organisation – und vor allem in der Plastizität.


Reversibilität als zentrales Unterscheidungskriterium


Ein zentrales klinisches Beobachtungskriterium ist die Frage, wie sich das Kind entwickelt, wenn sich die Umweltbedingungen deutlich verändern.

In vielen Fallberichten – und auch in systematischen Interventionsstudien – zeigt sich, dass Kinder mit medienassoziierten Entwicklungsverzögerungen bei konsequenter Reduktion der Bildschirmzeit und gleichzeitiger Intensivierung sozialer Interaktion erhebliche Fortschritte machen:

  • Zunahme von Blickkontakt

  • rascher Sprachzuwachs

  • gesteigerte soziale Neugier

  • differenzierteres Spielverhalten


Diese Dynamik ist bei Autismus-Spektrum-Störungen so nicht zu beobachten. Autistische Kinder entwickeln sich ebenfalls, teils sehr eindrucksvoll – aber nicht primär als Reaktion auf Umweltveränderungen, sondern entlang ihrer eigenen neurobiologischen Struktur.

Die Veränderbarkeit ist deshalb kein Beweis, aber ein starkes diagnostisches Indiz.


Warum der Begriff „virtueller Autismus“ problematisch bleibt


Trotzdem bleibt der Begriff heikel. Er vermischt ein klar definiertes neurodivergentes Spektrum mit unspezifischen Entwicklungsphänomenen und trägt das Risiko, Autismus implizit als „vermeidbar“ oder „rückgängig zu machen“ darzustellen.

Deshalb wird er in der Fachliteratur zunehmend vermieden. Stattdessen finden sich präzisere, wenn auch sperrigere Begriffe wie:


  • screen-associated developmental delay

  • autistic-like behaviors associated with early media exposure


Diese Bezeichnungen machen deutlich, worum es geht: um Symptome, nicht um Identität.


Keine Schuldfrage – sondern eine Strukturfrage


Ein weiterer Punkt ist zentral, gerade in der öffentlichen Diskussion: Es geht hier nicht um individuelles Elternversagen.

Die Zunahme früher Mediennutzung ist ein gesellschaftliches Phänomen, eng verknüpft mit Arbeitsverdichtung, Vereinzelung, fehlenden Unterstützungsstrukturen und – nicht zuletzt – einer Digitalökonomie, die Aufmerksamkeit systematisch bindet.

Kinder reagieren darauf nicht moralisch, sondern neurobiologisch.


Was aus fachlicher Sicht daraus folgt


Aus heutiger Perspektive lassen sich einige Punkte relativ klar festhalten:


  • Frühe, intensive, beziehungsarme Mediennutzung kann die soziale und sprachliche Entwicklung beeinträchtigen.

  • Diese Beeinträchtigungen können autismusähnlich wirken, sind aber in vielen Fällen reversibel.

  • Autismus selbst ist davon klar zu unterscheiden.

  • Der Begriff „virtueller Autismus“ beschreibt ein reales Phänomen, ist aber begrifflich unsauber und sollte mit Vorsicht verwendet werden.


Oder anders gesagt: Nicht jedes Kind, das autistisch wirkt, ist autistisch. Aber jedes Kind, das so wirkt, verdient eine sorgfältige, differenzierte Betrachtung, jenseits von Panik, Schuld und schnellen Etiketten.


Ein ruhiges Fazit


Vielleicht ist das eigentliche Problem weniger der Bildschirm als das, was er ersetzt. Nicht die Technik an sich, sondern der Verlust von Zeit, Blicken, Pausen, Langsamkeit, gemeinsamer Aufmerksamkeit. Und natürlich sollten wir Erwachsenen auch unser Verhalten reflektieren. Zu oft werden Kinder vor dem Bildschirm geparkt um selber durch Insta und Co scrollen zu können, weil das Gehirn bei diesen Prozessen mehr Endorphine ausschüttet, als bei der Beschäftigung mit dem Kind.


Entwicklung ist kein Optimierungsprozess. Sie ist ein Beziehungsprozess.

Und genau dort – nicht in Diagnosen, nicht in Schlagworten – liegt die eigentliche Verantwortung unserer Zeit.

 
 
 

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