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Kinder als Minderheit – und was das über unsere Gesellschaft verrät

Kinder im Schnee
Kinder im Schnee

Kinder gelten als Zukunft. Kaum ein Satz ist so oft gesagt und so selten eingelöst worden.

Denn während wir uns rhetorisch darauf einigen, dass Kinder „unsere Zukunft“ seien, behandeln wir sie strukturell wie eine Randgruppe. Verantwortung wird zeitlich verschoben, Zuständigkeit vertagt, Kosten externalisiert.

Zukunft, so scheint es, beginnt immer später.

Der Soziologe Aladin El-Mafaalani formuliert dafür eine ebenso einfache wie unbequeme Diagnose: Kinder sind eine Minderheit – zahlenmäßig, politisch, institutionell. Sie haben kein Wahlrecht, keine organisierte Lobby, keine Möglichkeit, Entscheidungen zu sanktionieren. Und sie leben in einer Gesellschaft, in der ihre Interessen regelmäßig mit den Interessen einer älteren, größeren und politisch einflussreicheren Bevölkerungsgruppe konkurrieren.

Nicht aus Böswilligkeit, sondern aus demokratischer Logik.

Denn Demokratien funktionieren über Mehrheiten. Und in alternden Gesellschaften liegen diese Mehrheiten zwangsläufig nicht bei den Jungen.


Die leise Verschiebung


Diese Verschiebung ist kein politisches Projekt, sie ist ein demografischer Prozess. Jahrzehntelang war es normal, zwei Kinder zu haben. Heute ist es das nicht mehr. Das ist weder moralisches Versagen noch Ausdruck individueller Verantwortungslosigkeit, sondern eine Folge moderner Lebensrealitäten: Bildung, Urbanisierung, ökonomische Unsicherheit, veränderte Rollenbilder, neue Lebensentwürfe.


Problematisch wird das erst dort, wo zentrale gesellschaftliche Systeme so tun, als hätte sich nichts geändert. Das Rentensystem, das Bildungssystem, das Gesundheitssystem – sie alle beruhen implizit auf Annahmen, die nicht mehr tragen.

Statt diese Annahmen offen zu hinterfragen, wird an Symptomen gearbeitet: etwas höhere Beiträge hier, ein Reformpaket dort, ein Förderprogramm für dieses oder jenes Problemfeld.

Kinder geraten dabei besonders leicht aus dem Blick. Nicht weil sie unwichtig wären, sondern weil sie keine unmittelbare Rückkopplung erzeugen. Sie wählen nicht, sie protestieren selten organisiert, sie drohen nicht mit Standortwechsel. Ihre Kosten sind sichtbar, ihr Nutzen liegt zeitlich weit entfernt. In einem politischen System, das auf kurze Zyklen reagiert, ist das eine denkbar schlechte Ausgangslage.


Migration, Bildung und die falsche Erzählung von der Krise


An dieser Stelle wird die Debatte schnell emotional. Denn wenn von Kindern als Minderheit die Rede ist, verschränken sich Themen, die gesellschaftlich hoch aufgeladen sind: Migration, Bildung, soziale Ungleichheit, Sicherheit.

Kinder mit Migrationsgeschichte werden dabei häufig doppelt markiert – als „anders“ und als „problematisch“. Schulen werden zu Brennpunkten erklärt, Klassen zu Überforderungsräumen, Lehrkräfte zu Krisenmanagern.


Was dabei oft übersehen wird: Migration ist kein Sonderthema, sondern Teil derselben demografischen Realität.

Ohne Zuwanderung wäre die Altersstruktur in Deutschland noch deutlich unausgeglichener. Migrantische Familien sind im Durchschnitt jünger, haben häufiger Kinder – und tragen damit faktisch zur Stabilisierung von Systemen bei, die sonst noch stärker unter Druck geraten würden.

Gleichzeitig zeigt sich gerade hier die strukturelle Schwäche unseres Bildungssystems. Es ist historisch auf Homogenität ausgelegt: ähnliche Lebenslagen, ähnliche Sprache, ähnliche elterliche Ressourcen. Diese Gesellschaft existiert so nicht mehr.

Schulen sind heute Orte extremer Heterogenität – sozial, kulturell, sprachlich, psychisch. Das ist kein Defizit. Es ist Realität. Das eigentliche Problem liegt darin, dass die Institutionen kaum an diese Realität angepasst wurden.


El-Mafaalani weist an dieser Stelle auf einen entscheidenden Punkt hin, der in öffentlichen Debatten oft verloren geht: Mehr Konflikte sind nicht automatisch ein Zeichen von Scheitern. Häufig sind sie Ausdruck davon, dass mehr Menschen überhaupt im System angekommen sind. Wo früher Ausgrenzung still blieb, wird sie heute sichtbar. Wo früher Erwartungen niedrig waren, sind sie heute hoch – manchmal zu hoch.


Die Illusion der Chancengleichheit


Besonders tückisch ist dabei die allgegenwärtige Rede von Chancengleichheit. Sie klingt fair, modern, beruhigend. Und doch birgt sie eine Gefahr. Denn je stärker wir glauben, dass Chancen formal gleich verteilt seien, desto schneller wird Scheitern individualisiert. Dann liegt es plötzlich am Kind, an der Familie, an der „Kultur“, wenn Bildungswege nicht gelingen.


Tatsächlich zeigt sich seit Jahren, dass Bildungserfolg in Deutschland weiterhin stark vom Elternhaus abhängt – vom Einkommen, vom Bildungsstand, von Zeitressourcen.

Kinder aus privilegierten Familien bekommen nicht nur Nachhilfe oder Förderangebote. Sie bekommen vor allem eines: Zeit.

Zeit für Gespräche, für Erklärungen, für Konflikte, für Fehler.

Zeit ist die heimliche Währung moderner Gesellschaften. Und sie ist extrem ungleich verteilt.

Kinder in prekären Lebenslagen haben davon am wenigsten. Sie müssen funktionieren, sich anpassen, mithalten. Und wenn sie scheitern, wird das selten als Systemfrage gelesen, sondern als individuelles Defizit. Genau hier entsteht eine stille, aber wirksame Ungerechtigkeit – nicht offen diskriminierend, sondern moralisch aufgeladen.


Erwartungsüberlastung und Unsicherheit


Gleichzeitig steigen die Erwartungen an Kinder kontinuierlich. Sie sollen leistungsfähig sein, sozial kompetent, resilient, klimabewusst, demokratiefähig, selbstreflektiert. Sie sollen mit Unsicherheit umgehen können, mit digitalen Räumen, mit globalen Krisen. All das, während kollektive Sicherheiten abnehmen.

Was früher durch stabile Institutionen abgefedert wurde – klare Bildungswege, verlässliche Übergänge, überschaubare Anforderungen –, wird heute zunehmend auf das Individuum verlagert. Unsicherheit wird personalisiert. Wer nicht mithält, gilt als überfordert. Wer auffällt, als Problem.


Der Befund ist ernüchternd: Wir verlangen von Einzelnen immer mehr Anpassungsleistung, während wir die Systeme, die Orientierung geben könnten, nicht ausreichend stärken. Für Kinder ist das besonders folgenreich. Denn Sicherheit entsteht nicht durch Kontrolle, Tests oder Sanktionen, sondern durch Verlässlichkeit: stabile Beziehungen, klare Regeln, berechenbare Strukturen. Ein Bildungssystem, das permanent reformiert, bewertet und optimiert, aber wenig Raum für Beziehung lässt, produziert genau das, was es zu vermeiden vorgibt – Unsicherheit.


Von der Rente her gedacht – oder vom Kind aus


Spätestens hier zeigt sich, wie eng Themen wie Rente, Staatsfinanzen und Bildung miteinander verknüpft sind. Diese Debatten werden meist von oben geführt: Beiträge, Haushalte, Generationenverträge. Selten wird gefragt, wie sie von unten funktionieren.

Wer kommt nach?

In welchem Zustand?

Mit welchen Fähigkeiten, welcher Gesundheit, welcher sozialen Stabilität?


Ein Rentensystem, das auf Bestandserhalt beruht, braucht nicht nur BeitragszahlerInnen, sondern Menschen, die überhaupt in der Lage sind, produktiv teilzunehmen. Bildung ist dabei kein weiches Sozialthema, sondern der zentrale ökonomische Hebel. Alles, was früh in Bildung, Förderung und soziale Stabilität investiert wird, spart später Kosten – im Gesundheitssystem, im Sozialstaat, in der inneren Sicherheit.

Kinder als Minderheit zu stärken ist deshalb kein moralisches Projekt, sondern ein ökonomisch und demokratisch rationales. Ein Land, das Talente vom Elternhaus abhängig macht, verschwendet Ressourcen. Ein Land, das akzeptiert, dass ein relevanter Teil der Kinder ohne Abschluss oder Perspektive das System verlässt, untergräbt seine eigene Zukunftsfähigkeit.


Demokratie unter demografischem Druck


Besonders sensibel wird es dort, wo diese Entwicklungen auf demokratische Entscheidungsmechanismen treffen. In einer alternden Gesellschaft entscheiden Mehrheiten über Fragen, deren langfristige Folgen sie selbst nicht mehr tragen werden. Das ist kein Vorwurf, sondern eine strukturelle Spannung.

Die Frage ist daher nicht, ob ältere Menschen weniger mitbestimmen sollten, sondern wie Kinder und junge Menschen institutionell stärker berücksichtigt werden können, ohne demokratische Grundprinzipien zu verletzen. Kinderrechte, Jugendfolgenabschätzungen, verbindliche Beteiligungsformate – all das sind keine symbolischen Gesten, sondern Versuche, ein Ungleichgewicht auszugleichen, das sonst weiter wächst.

Demokratie lebt davon, dass diejenigen, die die Zukunft tragen müssen, zumindest gehört werden. Wenn Kinder Demokratie nur als abstraktes Versprechen erleben – irgendwann später –, wird dieses Versprechen fragil.


Kinder ernst nehmen heißt Systeme ernst nehmen


Kinder ernst zu nehmen heißt nicht, sie zu idealisieren. Es heißt, ihre strukturelle Position zu erkennen – als Minderheit ohne Macht, aber mit enormer Bedeutung. Es heißt, Bildung nicht als Kostenstelle zu betrachten, sondern als präventive Infrastruktur. Es heißt, Migration nicht als Störfaktor, sondern als Teil der demografischen Realität zu begreifen. Und es heißt, Demokratie so weiterzudenken, dass Zukunft nicht nur verwaltet, sondern vertreten wird.

Vielleicht ist das der eigentliche Prüfstein moderner Gesellschaften: Nicht, wie gut sie über Kinder sprechen. Sondern, wie konsequent sie ihre Systeme so bauen, dass Kinder darin nicht verlieren müssen, damit das System funktioniert.

 
 
 

1 Kommentar


Pelle
29. Dez. 2025

Sehr bereichernd das zu lesen, liebe Sonja. Schön nicht unbedingt, denn du legst so deutlich dar, wie viel für Gerechtigkeit und die Zukunft zu tun ist. Aber Unbequemes anzuerkennen, macht einen konstruktiven Umgang erst möglich. Vielen Dank!

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