Kinder als Minderheit – warum der demografische Wandel uns zum Umdenken zwingt
- Sonja Meyer-Voss
- 16. Aug. 2025
- 5 Min. Lesezeit

1. Ein persönlicher Anfang
Ich bin Mutter von drei Jungs. Egal, wo wir auftauchen, wir sind eine Erscheinung. Nicht, weil meine Jungs laut und unerzogen sind, sondern weil es eine absolute Ausnahme darstellt. Drei Kinder!
Ich habe den Scannerblick, schaue automatisch überall nach Familien mit drei Kindern und es fällt mir unmittelbar auf, falls ich mal eine sehe. Und man blickt sich wissend zu.
Nix mit Prenzlauer Berg 3 sind das neue zwei, denn auch zwei Kinder sind die Ausnahme geworden. Und ja, ich kann euch zahlreiche Gründe dafür nennen: das Kindergeld deckt die Betreuung nur zur Hälfte, die Kosten explodieren, Wohnraum für fünf Personen unerschwinglich, geschweige denn Ausflüge, Kilo, Schwimmbad - oder womöglich noch LEBENSMITTEL … und halt auch so gut wie keine Unterstützung aus der Familie oder im Bekanntenkreis.
Kinder sind in Deutschland zur Minderheit geworden – statistisch, politisch, kulturell.
2. Die demografische Schieflage
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: 2024 lag die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau in Deutschland bei 1,35. Frauen mit deutscher Staatsangehörigkeit hatten im Schnitt sogar nur 1,23 Kinder, während Frauen mit ausländischem Pass noch auf etwa 1,84 kamen. Ohne Migration wäre die Geburtenziffer also noch niedriger.
Damit bestätigt sich ein Trend, den die Demografieforschung seit Jahren beschreibt: Kinder sind und bleiben die kleinste Gruppe in einer alternden Gesellschaft. Während die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer in die Rente gehen, schrumpft die Zahl der Kinder und Jugendlichen weiter.
Die historische Perspektive macht das besonders deutlich: In den 1960er-Jahren waren Kinder im Alltag sichtbar, Straßen und Schulen voll. Heute ist das Bild ein anderes – weniger Geschwister, weniger Nachbarskinder, weniger Stimmen, die eine Lobby haben.
3. Was das für Kinder bedeutet
Für die betroffenen Kinder ist das mehr als eine statistische Randnotiz. Es bedeutet, dass sie politisch unsichtbar sind. Entscheidungen werden von Erwachsenen für Erwachsene getroffen, Kinder tauchen in den Kalkülen der Politik kaum auf. Die Auswirkungen sind dass Entwürfe für eine Jugendpolitik bei exakt zwei Parteien vorkommen: Junge Männer wählen afd und junge Frauen die Linke. Alle anderen Parteien lassen die jungen Menschen einfach komplett außen vor.
Die Pandemie war dafür ein Lehrstück: Während Restaurants und Möbelhäuser früh geöffnet wurden, blieben Kitas und Schulen geschlossen. Kinderrechte? Spielten in der Debatte keine Rolle.
Auch jenseits von Krisen zeigt sich die Schieflage:
Kitas sind überfüllt, Erzieher:innen überlastet.
Schulen leiden unter Lehrermangel, veralteter Infrastruktur und fehlender Digitalisierung.
Freiräume schwinden – Jugendzentren werden geschlossen, öffentliche Spielplätze wirken wie Relikte.
Das Ergebnis: Kinder lernen früh, dass sie „mitlaufen“ müssen in einer Gesellschaft, die für Erwachsene geplant ist. Und zwar in einer Gesellschaft voller desorientierter und überforderter Erwachsener: erst Migration und willkommenskultir 2015, danach Corona, nun Inflation und KI mit großem Veränderungs- und Anpassungsbedarf.
4. Was das für die Gesellschaft bedeutet
Diese Entwicklung ist nicht nur ein Problem für Kinder. Sie ist ein Problem für uns alle.
Soziale Systeme geraten unter Druck: Weniger Erwerbstätige finanzieren mehr Rentner:innen.
Innovationskraft sinkt: Wenn die jüngere Generation klein bleibt, fehlen Impulse, Ideen, Dynamik.
Gesellschaftliche Spannungen wachsen: Alt gegen Jung, Verteilungskämpfe um Ressourcen – vom Wohnraum bis zur Rente.
Der demografische Wandel ist damit nicht nur eine abstrakte Statistik, sondern eine soziale Zäsur.
5. Die zwei Hebel
Es gibt theoretisch zwei Möglichkeiten, gegenzusteuern:
Mehr Migration: Junge Menschen, die sofort ins Erwerbsleben eintreten, sind die schnellste Entlastung.
Mehr Kinder: Ohne eine höhere Geburtenrate wird es langfristig nicht gehen – aber das wirkt nur langsam und braucht Infrastruktur, die wir aktuell nicht haben.
Das Problem: Beide Hebel reichen nicht aus. Selbst mit mehr Migration und mehr Kindern bleibt das Verhältnis zwischen Alt und Jung unausgeglichen. Kinder werden nie die Mehrheit sein – das ist strukturell unmöglich.
6. Radikale Vorschläge – und ihre Unmöglichkeit
Manche Soziologen – wie Aladin El-Mafaalani – haben radikale Ideen ins Spiel gebracht, um Kinder und Jugendliche politisch sichtbarer zu machen:
Wahlrecht nach Lebenszeit: Wer noch länger in dieser Gesellschaft lebt, hätte mehr Stimmgewicht.
Elternstimmen: Eltern erhalten zusätzliche Stimmen für ihre Kinder.
Beides würde dazu führen, dass die Perspektiven der Jüngeren mehr Gewicht bekämen. Politisch ist es jedoch nicht realistisch – es bräuchte eine Grundgesetzänderung, und Mehrheiten dafür sind kaum vorstellbar.
Und doch: Diese Vorschläge sind wichtig, weil sie den Finger in die Wunde legen. Sie zeigen, wie unsichtbar Kinder (und Eltern) in unserer Demokratie sind. Die Eltern Generation hat (ohne die Menschen die keinen deutschen Pass besitzen) eine einstellige (!) Wahlbeteiligung.
7. Der blinde Fleck: Wie Ältere ihr Leben ändern müssten
Eine andere, oft übersehene Perspektive: Es liegt nicht nur an den Jungen, sondern auch an den Alten.
Wenn die Babyboomer ihr Rentenleben so gestalten wie die Generationen davor – privat, konsumorientiert, ohne gesellschaftliche Verantwortung – dann wird unser System nicht funktionieren. Enkel? Nee, erstmal das eigene Leben genießen. Geld ist vorhanden. Während heute Kind zu sein der schärfste Grund für Armut ist (selbst in den Jahren des steigenden Wohlstands stieg die Kinderarmut an!!!) beginnt die Altersarmut nun langsam ihren Anstieg.
Die Lösung liegt darin, die ältere Generation als Ressource zu begreifen:
als Mentor:innen für Kinder und Jugendliche,
als Unterstützer:innen in Schulen und Kitas,
als aktive Begleiter:innen, die ihre Zeit und Erfahrung weitergeben.
Täte zb in Bezug auf Einsamkeit (weniger Enkel!) allen Beteiligten gut
Es braucht einen Kulturwandel: Weg vom „Recht auf Ruhestand“ hin zur Verantwortung im Alter. Gibt schließlich Gründe für den vorhandenen Wohlstand.
8. Bildung als Dreh- und Angelpunkt
Kaum ein Bereich zeigt die Schieflage deutlicher als die Bildung. Kitas und Schulen sind nicht nur überlastet, sie sind auch systemisch unterfinanziert.
Die Konsequenz: Kinder erleben Bildung oft als Mangelverwaltung.
Deshalb muss Bildung radikal anders gedacht werden:
Schulen und Kitas als Lebensräume – ganztägig, vielfältig, mit Sport, Kultur, Musik.
Multiprofessionelle Teams: Lehrkräfte, Sozialarbeiter:innen, Psycholog:innen, Pädagog:innen.
Demokratie erleben statt nur lernen: Kinder sollen in Schulen echte Mitbestimmung erfahren, nicht nur theoretischen Unterricht über Demokratie.
denn Eltern müssen zunehmend arbeiten und Kinder ihre Hobbys/Förderung in diesem zeitfenster erfahren.
Nur so werden Kinder nicht als „Kostenfaktor“ behandelt, sondern als das, was sie sind: die wichtigste Ressource der Zukunft.
9. Kultureller Wandel
Das tiefere Problem liegt in unserer Haltung. Kinder gelten in Deutschland bis heute oft als Privatangelegenheit. Wer Kinder bekommt, muss „sehen, wie er klarkommt“.
Doch in einer alternden Gesellschaft kann das nicht funktionieren. Kinder sind kein Privatvergnügen, sie sind eine gesellschaftliche Aufgabe.
Das bedeutet:
Kinderfreundlichkeit muss kulturell verankert werden.
Care-Arbeit verdient gesellschaftliche Anerkennung – und nicht nur Lippenbekenntnisse.
Familienpolitik darf nicht als Nischenpolitik verstanden werden, sondern als Zukunftspolitik.
10. Fazit – ein unbequemer Appell
Der demografische Wandel ist irreversibel. Wir können ihn nicht stoppen, nicht zurückdrehen. Aber wir können entscheiden, wie wir damit umgehen.
Es gibt zwei Wege:
Entweder wir verharren in Verteilungskämpfen – Alt gegen Jung, Kind gegen Rentner, nur ohne Mitbestimmung
Oder wir entwickeln ein neues Verständnis von Solidarität – generationenübergreifend, nachhaltig, zukunftsorientiert.
Die unbequeme Wahrheit lautet: Nicht die Kinder müssen sich anpassen – wir müssen uns verändern.
Wenn ich auf einem leeren Spielplatz sitze, frage ich mich: Wollen wir das wirklich – dass Kinder zur seltenen Randerscheinung werden, deren Stimme im politischen Alltag kaum Gewicht hat? Oder schaffen wir es, die Interessen der Jüngsten so ernst zu nehmen, dass sie das Maß aller Dinge werden?
Denn am Ende gilt: Eine Gesellschaft zeigt sich nicht nur daran, wie sie ihre Alten ehrt, sondern daran, wie sie ihre Kinder behandelt.
Ich schreibe als dreifache Mutter, als Frau, als Arbeitnehmerin, Unternehmerin, politisch interessierter Mensch. Und ich kann definitiv verstehen, wenn Menschen sich gegen Kinder entscheiden, denn der demokratische Wandel ist ja nur eine Herausforderung der Zukunft neben vor allem sozialer Ungerechtigkeit und klimakrise.





Kommentare