Überbehütet im echten Leben, schutzlos im Netz
- Sonja Meyer-Voss
- vor 1 Tag
- 11 Min. Lesezeit
Wie wir unseren Kindern die Übung im Leben nehmen – und warum das Folgen hat

Es gehört zu den eigentümlichen Paradoxien unserer Gegenwart, dass Kinder heute so eng begleitet, beaufsichtigt und abgesichert sind wie nie zuvor – und zugleich in jenen Räumen allein gelassen werden, die sie am tiefsten prägen.
Kaum ein Schulweg bleibt unbeobachtet, kaum ein Nachmittag unkoordiniert, kaum ein Risiko ungeprüft. Eltern wissen, wo ihre Kinder sind, mit wem sie sich treffen, wann sie nach Hause kommen sollen. Und doch wachsen viele Kinder in einer Welt auf, in der sie mit den stärksten Reizen, den härtesten Vergleichen und den extremsten Inhalten ohne echten Schutz konfrontiert sind: im digitalen Raum.
Diese Spannung ist kein individuelles Erziehungsversagen. Sie ist Ausdruck einer gesellschaftlichen Verschiebung, in der Sicherheit mit Kontrolle verwechselt wird und Schutz dort organisiert wird, wo er Entwicklung hemmt – während er dort fehlt, wo er notwendig wäre.
Die Folgen zeigen sich nicht sofort, nicht spektakulär, sondern schleichend: in steigender Angst, in brüchiger Emotionsregulation, in Rückzug, Depressionen, Überforderung mit dem normalen Leben und einer auffälligen Fragilität, die viele Kinder und Jugendliche heute begleitet.
Kindheit war historisch kein Schonraum. Sie war ein Erfahrungsfeld. Kinder bewegten sich in überschaubaren sozialen Welten, aber mit bemerkenswerter Eigenständigkeit. Sie mussten Konflikte aushandeln, sich Hilfe organisieren, mit Frustration umgehen, Risiken einschätzen, Fehler machen und daraus lernen. Diese Erfahrungen waren nicht immer angenehm, oft sogar beängstigend, aber sie waren wirksam. Sie formten innere Strukturen, die nicht belehrt, sondern gelebt wurden: Selbstwirksamkeit, soziale Intuition, emotionale Belastbarkeit und eine gesunde Risikoabschätzung.
Heute ist dieser Erfahrungsraum kleiner geworden. Nicht abrupt, sondern leise.
Aus Sorge um Sicherheit, aus Angst vor Gefahren, aus einem verständlichen Wunsch heraus, Kinder vor Schaden zu bewahren, wurde das reale Leben zunehmend reguliert. Wege werden begleitet, Spielräume eingeschränkt, Konflikte moderiert. Gleichzeitig öffnete sich ein anderer Raum, der lange als harmlos, modern und unvermeidlich galt: der digitale. Was als Kommunikationsmittel begann, entwickelte sich rasch zu einem allgegenwärtigen Lebensraum – mit eigenen Regeln, eigenen Belohnungsmechanismen und einer eigenen Logik, die sich fundamental von der realen unterscheidet.
In der realen Welt sind Kinder heute selten allein. Erwachsene organisieren, strukturieren, erinnern, sichern ab. Diese Form der Kontrolle wird häufig als Fürsorge verstanden, übersieht jedoch einen zentralen Punkt: Kontrolle ersetzt keine Kompetenz. Sie kann Entwicklung sogar behindern, wenn sie jene Erfahrungen verhindert, die Kinder benötigen, um innere Steuerungsmechanismen auszubilden. Autonomie entsteht nicht durch Begleitung, sondern durch Bewährung.
Im digitalen Raum hingegen herrscht eine eigentümliche Illusion von Kontrolle. Die Vorstellung, man könne „ungefähr wissen“, was Kinder im Internet konsumieren, sie durch Regeln, Filter oder bloße Anwesenheit schützen, hält der Realität kaum stand. Digitale Inhalte sind nicht linear, nicht vorhersehbar, nicht stabil. Sie wechseln in Sekunden, reagieren auf kleinste Impulse, werden algorithmisch angepasst und verstärkt. Ein einziges Wischen genügt, um Kinder mit Inhalten zu konfrontieren, die sie weder einordnen noch regulieren können – Gewalt, Pornografie, extreme Darstellungen, soziale Abwertung und neuerdings ja auch Deep Fakes.
Das Problem liegt dabei nicht in mangelnder elterlicher Aufmerksamkeit, sondern in der Struktur des Systems selbst. Digitale Plattformen sind nicht darauf ausgelegt, altersangemessene Entwicklung zu fördern, sondern Aufmerksamkeit zu binden. Sie arbeiten mit variabler Verstärkung, emotionaler Zuspitzung, sozialer Rückkopplung und visueller Überstimulation – Mechanismen, die gezielt jene neurobiologischen Systeme ansprechen, die bei Kindern und Jugendlichen besonders sensibel sind.
Emotionsregulation ist keine angeborene Fähigkeit. Sie entsteht im Zusammenspiel von biologischer Reifung und gelebter Erfahrung. In den frühen Lebensjahren erfolgt Regulation vor allem durch andere – durch Erwachsene, die beruhigen, spiegeln, strukturieren. Mit zunehmendem Alter verlagert sich dieser Prozess nach innen. Kinder lernen, Erregung auszuhalten, Frustration zu tolerieren, Angst zu bewältigen, Impulse zu kontrollieren. Dieser Übergang von Co-Regulation zu Selbstregulation ist einer der zentralen Entwicklungsschritte der Kindheit und Jugend.
Entscheidend ist dabei nicht die Abwesenheit von Stress, sondern dessen Dosierung. Ein Nervensystem lernt Regulation nicht im Schonraum, sondern durch wiederholte, bewältigbare Aktivierung. Kleine Risiken, reale Konflikte, echte Frustrationen sind Trainingsfelder für emotionale Kompetenz. Digitale Räume unterlaufen diesen Prozess. Sie bieten schnelle Ablenkung statt Aushalten, sofortige Belohnung statt Verzögerung, Rückzug statt Auseinandersetzung. Unruhe wird durch Scrollen gedämpft, Langeweile durch Reize ersetzt, Angst durch virtuelle Nähe überdeckt. Kurzfristig wirkt das regulierend – langfristig bleibt das eigentliche Regulationsproblem ungelöst.
Neurobiologisch fällt diese Entwicklung in eine besonders sensible Phase. In der Pubertät ist das dopaminerge Belohnungssystem hochaktiv, während präfrontale Kontrollmechanismen – zuständig für Impulskontrolle, Planung und langfristige Bewertung – noch nicht vollständig ausgereift sind. Diese Asynchronie erklärt, warum Jugendliche besonders empfänglich für intensive Reize, soziale Rückmeldungen und emotionale Extreme sind. Digitale Plattformen nutzen genau diese Sensibilität. Likes, Views, neue Inhalte folgen keiner festen Logik, sondern variieren unvorhersehbar. Diese variable Verstärkung hält Aufmerksamkeit aufrecht, verstärkt Verhalten und erschwert Abbruch. Für ein sich entwickelndes Gehirn bedeutet das eine dauerhafte Aktivierung des Belohnungssystems ohne ausreichende Gegenregulation.
Das ist kein Zeichen von Willensschwäche, sondern eine neurobiologische Realität. Wenn selbst Erwachsene Schwierigkeiten haben, sich diesen Mechanismen zu entziehen, ist es unrealistisch, von Kindern eine reflektierte Distanz zu erwarten. Besonders problematisch wird es, wenn digitale Belohnungen reale Erfahrungen ersetzen, statt sie zu ergänzen.
Identität entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie bildet sich im Spiegel sozialer Rückmeldungen, in der Erfahrung von Zugehörigkeit, Anerkennung und Abgrenzung. In analogen Kontexten sind diese Spiegel begrenzt, situativ und eingebettet in Beziehungen, die Kontinuität und Korrektur ermöglichen. Digitale Spiegel hingegen sind potenziell grenzenlos, anonymisiert und entkoppelt von realer Verantwortung. Soziale Medien reduzieren Identitätsarbeit auf Sichtbarkeit, Vergleich und Bewertung. Wer bin ich im Verhältnis zu anderen? Wie wirke ich? Wie werde ich wahrgenommen?
Für Mädchen verstärken sich diese Prozesse häufig über Körperbilder, Schönheitsnormen und soziale Vergleichsdynamiken. Für Jungen zeigen sich andere Muster: Rückzug in digitale Ersatzwelten, exzessiver Konsum von Videos, Spielen oder pornografischen Inhalten als funktionale Antwort auf fehlende reale Bewährungsräume. Wo körperliche Erprobung, soziale Rangordnung und direkte Rückmeldung fehlen, bieten digitale Räume scheinbare Kontrolle und unmittelbare Belohnung – jedoch ohne die korrigierenden Erfahrungen realer Beziehungen.
Was in diesem Prozess verloren geht, sind nicht einzelne Fertigkeiten, sondern ganze Kompetenzfelder. Fähigkeiten entstehen durch Nutzung. Was nicht gebraucht wird, verkümmert oder bildet sich gar nicht erst aus. Orientierung, Konfliktlösung, Hilfe organisieren, Frustration aushalten, Grenzen setzen – all das sind keine abstrakten Fähigkeiten, sondern situative Leistungen, die geübt werden müssen. Digitale Räume simulieren soziale Erfahrung, ersetzen sie aber nicht.
Es wäre bequem, an dieser Stelle individuelle Verantwortung einzufordern. Mehr Kontrolle, strengere Regeln, konsequentere Durchsetzung. Doch diese Perspektive greift zu kurz. Eltern agieren innerhalb gesellschaftlicher und technologischer Rahmenbedingungen, die sie nicht geschaffen haben. Digitale Technologien sind allgegenwärtig, soziale Teilhabe ist an sie gekoppelt, schulische Kommunikation verlagert sich ins Netz. Eltern können begleiten, erklären, begrenzen – aber sie können nicht kompensieren, was strukturell angelegt ist.
Wenn es überhaupt so etwas wie Lösungsansätze gibt, dann liegen sie nicht im technischen Detail, sondern in einer kulturellen Kurskorrektur. Eine der konsequentesten Schlussfolgerungen aus neurobiologischer und entwicklungspsychologischer Sicht ist, den Einstieg in smartphonebasierte Lebenswelten so weit wie möglich nach hinten zu verschieben. Nicht, weil digitale Medien per se schädlich wären, sondern weil sie in einer Phase intensiver neuronaler Umbauprozesse auf ein Gehirn treffen, das besonders beeinflussbar ist. Ein später Einstieg – nach der Pubertät – bedeutet nicht Abschottung, sondern Schutz in einer sensiblen Entwicklungsphase.
Dass entsprechende Altersgrenzen zunehmend auch politisch diskutiert und regulatorisch vorbereitet werden, markiert einen wichtigen Perspektivwechsel: weg von der Individualisierung der Verantwortung, hin zu kollektiven Schutzmechanismen. Erreichbarkeit lässt sich dabei von permanenter Onlinepräsenz trennen. Ein einfaches Telefon oder eine Smartwatch ermöglicht Sicherheit und Kontakt, ohne Kinder in algorithmisch getriebene Vergleichsräume zu ziehen.
Ebenso zentral ist die bewusste Rückkehr zu einer spielbasierten Kindheit, die diesen Namen verdient. Freies Spiel ist kein nostalgisches Ideal, sondern ein hochkomplexes Lernfeld. Hier üben Kinder Selbstorganisation, Konfliktaushandlung, Kreativität, Risikoeinschätzung und emotionale Regulation. Langeweile ist dabei kein Defizit, sondern ein Übergangszustand, der innere Prozesse in Gang setzt. In einer Welt permanenter Reizverfügbarkeit wird Langeweile zur seltenen, aber notwendigen Ressource.
Besonders herausfordernd ist der Umgang mit Frustration. Nicht im Sinne gezielter Härte, sondern als Zulassen unvermeidbarer Enttäuschungen, ohne sie sofort zu reparieren oder digital zu überdecken. Frustration ist kein Störfaktor, sondern ein Übungsfeld – vorausgesetzt, sie findet innerhalb verlässlicher Beziehungen statt. Erwachsene müssen dabei nicht lösen, sondern aushalten. Genau hier unterscheidet sich reale von digitaler Erfahrung: Reale Frustration ist eingebettet in Beziehung und Wiederannäherung, digitale Kränkung bleibt oft anonym, abrupt und unverarbeitet.
All dies verlangt etwas, das in einer sicherheitsorientierten Gesellschaft zunehmend schwerfällt: das Aushalten von Unsicherheit. Eine Kindheit mit mehr Freiheit ist unordentlicher, konfliktreicher und weniger planbar. Doch genau darin liegt ihr Entwicklungspotenzial. Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung nicht darin, Kinder besser zu kontrollieren, sondern unsere eigene Angst zu regulieren. Kinder brauchen keine perfekte Umgebung. Sie brauchen eine, in der sie üben dürfen.
Überbehütet im echten Leben, schutzlos im Netz
Wie wir unseren Kindern die Übung im Leben nehmen – und warum das Folgen hat
Es gehört zu den eigentümlichen Paradoxien unserer Gegenwart, dass Kinder heute so eng begleitet, beaufsichtigt und abgesichert sind wie nie zuvor – und zugleich in jenen Räumen allein gelassen werden, die sie am tiefsten prägen. Kaum ein Schulweg bleibt unbeobachtet, kaum ein Nachmittag unkoordiniert, kaum ein Risiko ungeprüft. Eltern wissen, wo ihre Kinder sind, mit wem sie sich treffen, wann sie nach Hause kommen sollen. Und doch wachsen viele Kinder in einer Welt auf, in der sie mit den stärksten Reizen, den härtesten Vergleichen und den extremsten Inhalten ohne echten Schutz konfrontiert sind: im digitalen Raum.
Diese Spannung ist kein individuelles Erziehungsversagen. Sie ist Ausdruck einer gesellschaftlichen Verschiebung, in der Sicherheit mit Kontrolle verwechselt wird und Schutz dort organisiert wird, wo er Entwicklung hemmt – während er dort fehlt, wo er notwendig wäre. Die Folgen zeigen sich nicht sofort, nicht spektakulär, sondern schleichend: in steigender Angst, in brüchiger Emotionsregulation, in Rückzug, Überforderung und einer auffälligen Fragilität, die viele Kinder und Jugendliche heute begleitet.
Kindheit war historisch kein Schonraum. Sie war ein Erfahrungsfeld. Kinder bewegten sich in überschaubaren sozialen Welten, aber mit bemerkenswerter Eigenständigkeit. Sie mussten Konflikte aushandeln, sich Hilfe organisieren, mit Frustration umgehen, Risiken einschätzen, Fehler machen und daraus lernen. Diese Erfahrungen waren nicht immer angenehm, oft sogar beängstigend, aber sie waren wirksam. Sie formten innere Strukturen, die nicht belehrt, sondern gelebt wurden: Selbstwirksamkeit, soziale Intuition, emotionale Belastbarkeit.
Heute ist dieser Erfahrungsraum kleiner geworden. Nicht abrupt, sondern leise. Aus Sorge um Sicherheit, aus Angst vor Gefahren, aus einem verständlichen Wunsch heraus, Kinder vor Schaden zu bewahren, wurde das reale Leben zunehmend reguliert. Wege werden begleitet, Spielräume eingeschränkt, Konflikte moderiert. Gleichzeitig öffnete sich ein anderer Raum, der lange als harmlos, modern und unvermeidlich galt: der digitale. Was als Kommunikationsmittel begann, entwickelte sich rasch zu einem allgegenwärtigen Lebensraum – mit eigenen Regeln, eigenen Belohnungsmechanismen und einer eigenen Logik, die sich fundamental von der realen unterscheidet.
In der realen Welt sind Kinder heute selten allein. Erwachsene organisieren, strukturieren, erinnern, sichern ab. Diese Form der Kontrolle wird häufig als Fürsorge verstanden, übersieht jedoch einen zentralen Punkt: Kontrolle ersetzt keine Kompetenz. Sie kann Entwicklung sogar behindern, wenn sie jene Erfahrungen verhindert, die Kinder benötigen, um innere Steuerungsmechanismen auszubilden. Autonomie entsteht nicht durch Begleitung, sondern durch Bewährung.
Im digitalen Raum hingegen herrscht eine eigentümliche Illusion von Kontrolle. Die Vorstellung, man könne „ungefähr wissen“, was Kinder im Internet konsumieren, sie durch Regeln, Filter oder bloße Anwesenheit schützen, hält der Realität kaum stand. Digitale Inhalte sind nicht linear, nicht vorhersehbar, nicht stabil. Sie wechseln in Sekunden, reagieren auf kleinste Impulse, werden algorithmisch angepasst und verstärkt. Ein einziges Wischen genügt, um Kinder mit Inhalten zu konfrontieren, die sie weder einordnen noch regulieren können – Gewalt, Pornografie, extreme Darstellungen, soziale Abwertung.
Das Problem liegt dabei nicht in mangelnder elterlicher Aufmerksamkeit, sondern in der Struktur des Systems selbst. Digitale Plattformen sind nicht darauf ausgelegt, altersangemessene Entwicklung zu fördern, sondern Aufmerksamkeit zu binden. Sie arbeiten mit variabler Verstärkung, emotionaler Zuspitzung, sozialer Rückkopplung und visueller Überstimulation – Mechanismen, die gezielt jene neurobiologischen Systeme ansprechen, die bei Kindern und Jugendlichen besonders sensibel sind.
Emotionsregulation ist keine angeborene Fähigkeit. Sie entsteht im Zusammenspiel von biologischer Reifung und gelebter Erfahrung. In den frühen Lebensjahren erfolgt Regulation vor allem durch andere – durch Erwachsene, die beruhigen, spiegeln, strukturieren. Mit zunehmendem Alter verlagert sich dieser Prozess nach innen. Kinder lernen, Erregung auszuhalten, Frustration zu tolerieren, Angst zu bewältigen, Impulse zu kontrollieren. Dieser Übergang von Co-Regulation zu Selbstregulation ist einer der zentralen Entwicklungsschritte der Kindheit und Jugend.
Entscheidend ist dabei nicht die Abwesenheit von Stress, sondern dessen Dosierung. Ein Nervensystem lernt Regulation nicht im Schonraum, sondern durch wiederholte, bewältigbare Aktivierung. Kleine Risiken, reale Konflikte, echte Frustrationen sind Trainingsfelder für emotionale Kompetenz. Digitale Räume unterlaufen diesen Prozess. Sie bieten schnelle Ablenkung statt Aushalten, sofortige Belohnung statt Verzögerung, Rückzug statt Auseinandersetzung. Unruhe wird durch Scrollen gedämpft, Langeweile durch Reize ersetzt, Angst durch virtuelle Nähe überdeckt. Kurzfristig wirkt das regulierend – langfristig bleibt das eigentliche Regulationsproblem ungelöst.
Neurobiologisch fällt diese Entwicklung in eine besonders sensible Phase. In der Pubertät ist das dopaminerge Belohnungssystem hochaktiv, während präfrontale Kontrollmechanismen – zuständig für Impulskontrolle, Planung und langfristige Bewertung – noch nicht vollständig ausgereift sind. Diese Asynchronie erklärt, warum Jugendliche besonders empfänglich für intensive Reize, soziale Rückmeldungen und emotionale Extreme sind. Digitale Plattformen nutzen genau diese Sensibilität. Likes, Views, neue Inhalte folgen keiner festen Logik, sondern variieren unvorhersehbar. Diese variable Verstärkung hält Aufmerksamkeit aufrecht, verstärkt Verhalten und erschwert Abbruch. Für ein sich entwickelndes Gehirn bedeutet das eine dauerhafte Aktivierung des Belohnungssystems ohne ausreichende Gegenregulation.
Das ist kein Zeichen von Willensschwäche, sondern eine neurobiologische Realität. Wenn selbst Erwachsene Schwierigkeiten haben, sich diesen Mechanismen zu entziehen, ist es unrealistisch, von Kindern eine reflektierte Distanz zu erwarten. Besonders problematisch wird es, wenn digitale Belohnungen reale Erfahrungen ersetzen, statt sie zu ergänzen.
Identität entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie bildet sich im Spiegel sozialer Rückmeldungen, in der Erfahrung von Zugehörigkeit, Anerkennung und Abgrenzung. In analogen Kontexten sind diese Spiegel begrenzt, situativ und eingebettet in Beziehungen, die Kontinuität und Korrektur ermöglichen. Digitale Spiegel hingegen sind potenziell grenzenlos, anonymisiert und entkoppelt von realer Verantwortung. Soziale Medien reduzieren Identitätsarbeit auf Sichtbarkeit, Vergleich und Bewertung. Wer bin ich im Verhältnis zu anderen? Wie wirke ich? Wie werde ich wahrgenommen?
Für Mädchen verstärken sich diese Prozesse häufig über Körperbilder, Schönheitsnormen und soziale Vergleichsdynamiken. Für Jungen zeigen sich andere Muster: Rückzug in digitale Ersatzwelten, exzessiver Konsum von Videos, Spielen oder pornografischen Inhalten als funktionale Antwort auf fehlende reale Bewährungsräume. Wo körperliche Erprobung, soziale Rangordnung und direkte Rückmeldung fehlen, bieten digitale Räume scheinbare Kontrolle und unmittelbare Belohnung – jedoch ohne die korrigierenden Erfahrungen realer Beziehungen.
Was in diesem Prozess verloren geht, sind nicht einzelne Fertigkeiten, sondern ganze Kompetenzfelder. Fähigkeiten entstehen durch Nutzung. Was nicht gebraucht wird, verkümmert oder bildet sich gar nicht erst aus. Orientierung, Konfliktlösung, Hilfe organisieren, Frustration aushalten, Grenzen setzen – all das sind keine abstrakten Fähigkeiten, sondern situative Leistungen, die geübt werden müssen. Digitale Räume simulieren soziale Erfahrung, ersetzen sie aber nicht.
Es wäre bequem, an dieser Stelle individuelle Verantwortung einzufordern. Mehr Kontrolle, strengere Regeln, konsequentere Durchsetzung. Doch diese Perspektive greift zu kurz. Eltern agieren innerhalb gesellschaftlicher und technologischer Rahmenbedingungen, die sie nicht geschaffen haben. Digitale Technologien sind allgegenwärtig, soziale Teilhabe ist an sie gekoppelt, schulische Kommunikation verlagert sich ins Netz. Eltern können begleiten, erklären, begrenzen – aber sie können nicht kompensieren, was strukturell angelegt ist.
Wenn es überhaupt so etwas wie Lösungsansätze gibt, dann liegen sie nicht im technischen Detail, sondern in einer kulturellen Kurskorrektur. Eine der konsequentesten Schlussfolgerungen aus neurobiologischer und entwicklungspsychologischer Sicht ist, den Einstieg in smartphonebasierte Lebenswelten so weit wie möglich nach hinten zu verschieben. Nicht, weil digitale Medien per se schädlich wären, sondern weil sie in einer Phase intensiver neuronaler Umbauprozesse auf ein Gehirn treffen, das besonders beeinflussbar ist. Ein später Einstieg – nach der Pubertät – bedeutet nicht Abschottung, sondern Schutz in einer sensiblen Entwicklungsphase.
Dass entsprechende Altersgrenzen zunehmend auch politisch diskutiert und regulatorisch vorbereitet werden, markiert einen wichtigen Perspektivwechsel: weg von der Individualisierung der Verantwortung, hin zu kollektiven Schutzmechanismen. Erreichbarkeit lässt sich dabei von permanenter Onlinepräsenz trennen. Ein einfaches Telefon oder eine Smartwatch ermöglicht Sicherheit und Kontakt, ohne Kinder in algorithmisch getriebene Vergleichsräume zu ziehen.
Ebenso zentral ist die bewusste Rückkehr zu einer spielbasierten Kindheit, die diesen Namen verdient. Freies Spiel ist kein nostalgisches Ideal, sondern ein hochkomplexes Lernfeld. Hier üben Kinder Selbstorganisation, Konfliktaushandlung, Kreativität, Risikoeinschätzung und emotionale Regulation. Langeweile ist dabei kein Defizit, sondern ein Übergangszustand, der innere Prozesse in Gang setzt. In einer Welt permanenter Reizverfügbarkeit wird Langeweile zur seltenen, aber notwendigen Ressource.
Besonders herausfordernd ist der Umgang mit Frustration. Nicht im Sinne gezielter Härte, sondern als Zulassen unvermeidbarer Enttäuschungen, ohne sie sofort zu reparieren oder digital zu überdecken. Frustration ist kein Störfaktor, sondern ein Übungsfeld – vorausgesetzt, sie findet innerhalb verlässlicher Beziehungen statt. Erwachsene müssen dabei nicht lösen, sondern aushalten. Genau hier unterscheidet sich reale von digitaler Erfahrung: Reale Frustration ist eingebettet in Beziehung und Wiederannäherung, digitale Kränkung bleibt oft anonym, abrupt und unverarbeitet.
All dies verlangt etwas, das in einer sicherheitsorientierten Gesellschaft zunehmend schwerfällt: das Aushalten von Unsicherheit. Eine Kindheit mit mehr Freiheit ist unordentlicher, konfliktreicher und weniger planbar. Doch genau darin liegt ihr Entwicklungspotenzial. Vielleicht besteht die eigentliche Herausforderung nicht darin, Kinder besser zu kontrollieren, sondern unsere eigene Angst zu regulieren. Kinder brauchen keine perfekte Umgebung. Sie brauchen eine, in der sie üben dürfen.





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