Warum Muttersein heute stressiger ist – und trotzdem besser läuft als früher
- Sonja Meyer-Voss
- 9. Sept. 2025
- 7 Min. Lesezeit

Zwischen Perfektionsdruck und Selbstbestimmung: Ein ehrlicher Blick auf das Paradox der modernen Mutterschaft
Kennste auch, oder? Du scrollst durch Instagram und siehst perfekt gestaltete Brotdosen neben handgeschriebenen Motivationssprüchen für den Nachwuchs. Gleichzeitig erinnerst du dich an deine eigene Kindheit: Schnell die Stulle geschmiert, ab nach draußen und "Kommt zum Abendessen zurück!" Das war's. Und oft fand ich das auch gar nicht so gut. Ich zb. hatte eine berufstätige Mum, die früh aus dem Haus musste und ich musste mich selber um mein Brot kümmern - also hatte ich meiste keins ,-)
Und trotzdem – oder gerade deshalb – fühlst du dich heute erschöpfter als deine Mutter damals. Wie kann das sein?
Die Antwort ist komplex und paradox zugleich: Wir leben in der besten Zeit, um Mutter zu sein – und gleichzeitig in einer der anstrengendsten. Lass uns ehrlich hinschauen, was da passiert ist.
Das Geld-Dilemma: Wenn zwei Gehälter nötig sind
Früher reichte ein Einkommen für eine Familie. Punkt. Die Geburtenziffer ist 2024 auf 1,35 Kinder je Frau gesunken (wenn man Frauen ohne deutschen Pass rausrechnet, sogar nur 1,23!) – und das hat auch mit finanziellen Realitäten und Unsicherheiten zu tun.
Die harten Fakten: Familien geben heute bis zu 40% ihres Einkommens für Wohnen aus. In den 70ern waren es vielleicht 20%.
Die Reallöhne? Über Jahrzehnte kaum gewachsen. Das klassische "Ein-Verdiener-Modell" ist für die meisten schlicht nicht mehr bezahlbar.
Das Zwei-Verdiener-Modell ist zur Überlebensstrategie geworden – mit allem logistischen Wahnsinn, den das bedeutet.
Aber – und das ist wichtig: Frauen sind dadurch finanziell unabhängiger geworden. Sie können eigene Entscheidungen treffen, müssen nicht um jeden Euro bitten und haben eine Stimme in der Familie, die gehört wird. Das ist ein Fortschritt, für den sich zu kämpfen lohnt.
Die To-do-Spirale: Wenn aus Kindern Projekte werden
Erwerbstätige Frauen verwenden täglich im Schnitt 3 Stunden und 29 Minuten für unbezahlte Care-Arbeit, erwerbstätige Männer nur 2 Stunden und 8 Minuten. Das sind über eine Stunde Unterschied – täglich. Das ist nicht nur ungerecht, das ist mental und körperlich anstrengend.
Das Leben einer Familie heute ist kleinteiliger getaktet als ein Schweizer Uhrwerk:
Impfkalender mit gefühlt hundert Terminen
Kita-Eingewöhnung mit 14-tägigem Wochenplan
WhatsApp-Elterngruppen, die um 6 Uhr morgens anfangen zu pingen
Apps für alles: Krankmeldung, Hausaufgaben, Mensaplan
Früher war es einfacher: "Geh spielen und komm zum Essen wieder." Heute heißt es: "Vergiss die Sport-AG nicht, lade das Foto vom Ausflug hoch, unterschreib das Formular für die Klassenfahrt nächstes Jahr.
Eltern sind Projektmanager ihrer Kinder geworden – jedes Detail ist ein To-do auf einer nie endenden Liste.
Ich folge einer "Nordic Mum in the US", einer ganz wunderbaren Finnin, die oft darüber spricht, was in den nordischen Ländern anders läuft: mehr Freiheiten, weniger Arbeitsstunden, geteilte Care-Arbeit, aber eben auch sehr viel mehr Selbständigkeit bei den Kindern. Und das entspannt! Wenige Verabredungen und Pflichttermine, mehr Zutrauen in die Kinder, weniger Helicopter-Dasein. Die Kinder sind selber dafür zuständig, altersgerecht natürlich, ihre Sachen zu packen, sich anzuziehen ohne Hilfe, im Haushalt zu helfen oder zumindest nicht die ganze Zeit Hilfe zu beanspruchen und sich sogar an den freien Tagen selbständig mit Freunden zu verabreden - weil sie wissen, dass an diesen Nachmittagen nichts festes anliegt. Freie Zeit wird ganz groß geschrieben - wie wertvoll!!!!
Und, was ich auch super schön (und eigentlich völlig natürlich) finde ist, dass es in den nordischen Ländern eine Zeit für die Arbeit, die Familie, aber eben auch für sich selber gibt. Ganz selbstverständlich. Weil klar ist, dass das eine nicht ohne das andere funktionieren kann auf Dauer.
Aber - und das darf man ja auch nicht vergessen - es gibt heute überhaupt Betreuungsstrukturen! Kita, Ganztag, Ferienprogramme – das ermöglicht Müttern echte Erwerbstätigkeit und schafft Räume für eigene Träume, die in den 80ern oft undenkbar waren. Wenn wir jetzt noch an der Qualität schrauben würden...
Und wie Jesper Juul in seinen Erziehungsbüchern immer schon beschrieben hat: es ist wichtig, dass Kinder nicht zu viel (was auch immer das ist) fremdbereut werden, weil sie dort eben Zeit mit Menschen verbringen, die kein "normales" soziales Miteinander pflegen, mit Streit und Langeweile etc, sondern dafür bezahlt werden. Er weist immer wieder auf diesen Umstand einer gesellschaftlichen Interaktion hin.
Mental Load: Die unsichtbare Last in unserem Kopf
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat herausgefunden, dass sich das Wohlbefinden eines Drittels aller befragten Mütter in den 7 Jahren nach der Geburt eines Kindes substanziell verschlechtert. Das liegt nicht nur an schlaflosen Nächten.
Es liegt an dem, was Expertinnen "Mental Load" nennen – dieser endlosen To-do-Liste in unserem Kopf. Frauen wenden pro Tag durchschnittlich 52,4 % mehr Zeit für unbezahlte Care-Arbeit auf als Männer.
Schau mal, wie sich das anfühlt: Am Samstag ist Max zum Geburtstag eingeladen. Geschenk kaufen (mit den anderen Müttern abstimmen). Ach ja, Lisa schulde ich noch Geld vom letzten Geschenk. Der Reis im Kühlschrank muss heute weg, sonst wird das Gemüse schlecht. Klopapier ist alle. In der Schule brauchen sie nächste Woche kleine Schraubgläser – wir haben nur große. Heute Abend Hausaufgaben kontrollieren...
Und das ist nur ein winziger Ausschnitt aus dem, was ständig in unserem Kopf rattert.
Ich sag mal vorsichtig: 3 Kinder, 3 Elternabende, 3 mal Schulfest mit Kuchen backen und Dienst an der Hüpfburg, 3 Kinder auf Geburtstagen, jedes in etwa 2 mal im Monat...usw...
Diese mentale Dauerbelastung macht müde, gereizt und oft krank. 26,3 Prozent der Mütter berichten von einem eher hohen bis sehr hohen Stresslevel. Und das einzige, was hilft ssind Vereinfachung und Seinlassen!
Aber: Wir haben heute ein Bewusstsein für dieses Phänomen! Mental Load wird endlich benannt, diskutiert, verändert. Das ist der erste Schritt zur Besserung.
Späte Mutterschaft: Weniger Kinder, mehr Intensität

Bei der Geburt eines Kindes im Jahr 2023 waren die Mütter im Durchschnitt 31,7 Jahre alt – das sind fast vier Jahre älter als in den 80ern. 24 % der Frauen haben nur ein Kind, 38 % haben zwei Kinder.
Weniger Kinder heißt: mehr Aufmerksamkeit für jedes einzelne Kind, aber auch mehr Organisation und Verantwortung pro Elternteil. Es gibt keine große Rasselbande, die sich selbst organisiert – es gibt das eine oder zwei Kinder, für die wir uns verantwortlich fühlen.
Und auch nachmittags spielen die (Einzel-) Kinder oft nicht mehr auf Spielplätzen mit anderen Kindern, sondern zuhause im Garten - alleine. Wenn man Glück hat, gibt es ein Nachbarskind. Kinder sind rar geworden.
Elternschaft wird intensiver, jede Entscheidung ist mit Gewicht aufgeladen. Das Projekt Kind wird perfektioniert statt gelebt.
Aber: Späte Elternschaft bringt auch Vorteile: Wir sind reifer, bewusster, finanziell stabiler. Studien zeigen, dass Kinder älterer Mütter oft bessere Entwicklungschancen haben.
Der Perfektionsdruck: Von "da sein" zu "alles perfekt machen"
In den 80ern gab es weder Pinterest-Brotdosen noch Instagram-Vergleiche. Heute gilt Elternschaft als Projekt: bindungsorientiert, nachhaltig, zuckerfrei, förderorientiert und natürlich karrierekompatibel.
Laut einer deutschen Studie von YouGov aus dem Jahr 2015 gaben 20 % der insgesamt 2045 befragten Eltern an, dass sie die Entscheidung, Kinder zu bekommen, bereuen. Das ist erschreckend – und zeigt, wie überfordernd die Ansprüche geworden sind.
Der Perfektionsdruck ist erdrückend. Jede Entscheidung wird vermessen, jeder Fehler fühlt sich an wie Versagen.
Aber: Gesellschaftliche Anerkennung für Mütter ist gestiegen. Elternzeit ist selbstverständlich, Väter beteiligen sich mehr, Mutterschaft ist nicht mehr automatisch "Verzicht auf alles". Frauen haben ein Recht auf berufliche Ambitionen UND auf Familie.
Infrastruktur: Hilfe, die erst mal Arbeit macht
Elterngeld, Elternzeit, Kita-Anspruch – alles Errungenschaften, die das Leben leichter machen sollen. Im Jahr 2023 gab es in Deutschland 7,2 Millionen Mütter und 6,2 Millionen Väter im erwerbsfähigen Alter, die mit mindestens einem Kind unter 15 Jahren lebten.
Diese Hilfen erzeugen neuen Organisationsaufwand. Anträge stellen, Zeiten abstimmen, Eingewöhnung koordinieren. Hilfe bedeutet heute: erstmal Arbeit haben, um sie nutzen zu können.
Aber: Es ist überhaupt Hilfe da! Die Generation unserer Mütter musste improvisieren: Oma, Nachbarin, größere Geschwister. Heute gibt es Rechtsansprüche, finanzielle Unterstützung und strukturierte Betreuung.
Digitalisierung: Segen und Fluch in einem

Smartphones, E-Mails, Eltern-Apps – ein Dauerrauschen, das kaum noch Pausen erlaubt. Die To-do-Liste ist immer dabei, der Vergleich mit anderen nur einen Klick entfernt.
Immer erreichbar, immer vergleichbar, immer informiert – aber nie wirklich frei.
Und es ist ein so unfassbar großer Zeitfresser. Was haben wir uns früher unterhalten - ohne aufs Handy zu schauen. Es gibt die ersten Studien, die zeigen, wie stark das Sozialverhalten von Babys und Kindern schon leidet, wenn die Eltern ihre Aufmerksamkeit aufs Handy gerichtet haben, anstatt unmittelbar aufs Kind.
Aber: Wissen ist verfügbarer, Netzwerke sind größer. Alleinerziehende finden Communities online, Familien organisieren sich leichter, Hilfe ist schnell recherchiert. Das Internet kann stützen – wenn wir Grenzen setzen.
Was haben wir also gewonnen und verloren?
Verloren: Die Gelassenheit eines "Das wird schon". Die finanzielle Tragfähigkeit eines Einkommens. Klare Rollen, die keiner hinterfragt.
Gewonnen: Rechte. Absicherung. Betreuung. Unabhängigkeit. Gesundheitsstandards. Gleichstellung. Flexibilität. Die Chance, sowohl Mutter als auch Frau mit eigenen Träumen zu sein.
Die Frage ist nicht, ob es "früher besser" war. Es war anders. Weniger stressig, aber auch weniger frei. Heute haben wir mehr Chancen, mehr Rechte, mehr Schutz – und zahlen den Preis in Form von Komplexität und mentaler Belastung.
Was brauchen wir jetzt?
Politisch: 42% der Beschäftigten können sich vorstellen, den Arbeitgeber zu wechseln, weil familiäre Belange zu wenig berücksichtigt werden. Laut Statistischem Bundesamt beantragten Frauen 2024 durchschnittlich 14,6 Monate Elternzeit, Männer nur 3,6 Monate. Wir brauchen weniger Bürokratie, mehr verlässliche Betreuung und faire Anerkennung von Care-Arbeit.
Gesellschaftlich: Realistische Erwartungen statt Instagram-Perfektionismus. Es ist okay, wenn das Brot mal nicht in Herzform geschnitten ist. Und nicht bloß so zu tun als wäre es in Ordnung - um dann doch abends um 22 Uhr, wenn endlich alle schlafen doch wieder in der Küche zu stehen.
Individuell: Bewusstsein für Mental Load, klare Absprachen mit dem Partner und – das ist wichtig – den Mut zur Unvollkommenheit.
Das traurige... alle, die ich kenne routieren. Und fast alle akzeptieren es. Ist halt so. Wird sich eventuell auch wieder ändern. Diese Überlastung ohne Freizeit, ohne Entspannung ist Ausdruck einer kranken Gesellschaft. Aber wer soll das ändern? Eine Politik von alten weißen Männern für eine Gesellschaft üRente? Eltern und Kinder (!) sind in der absoluten Unterzahl: mehr Menschen sind über 67 als Jugendliche und Kinder unter 18. Und was das - außer den objektiven Minderheit - noch heißt ist, dass immer weniger ältere Menschen auch Eltern oder Großeltern sind und irgendeinen Bezug zu den nachkommenden Generationen haben.
Zwischen Stress und Fortschritt: Ein ehrliches Fazit
Unsere Mütter hatten kein Elterngeld, keine Elternzeit, keinen Kita-Anspruch. Aber sie hatten weniger To-dos, weniger Vergleich, weniger Anspruch an sich selbst.
Wir haben all das – und sind erschöpfter. Aber wir haben auch mehr Rechte, mehr Optionen, mehr Sicherheit. Wir können Mütter UND Frauen mit eigenen Träumen sein.
Das Leben heute ist komplexer, aber auch freier. Stress ist nicht nur ein Fluch – er ist auch ein Zeichen dafür, dass wir Räume geöffnet haben, die früher verschlossen waren.
Die Kunst liegt darin, diese Räume so zu gestalten, dass sie uns nicht erdrücken, sondern tragen.
Und manchmal – nur manchmal – dürfen wir auch einfach das Butterbrot ohne Herzform schmieren und sagen: "Das reicht. Und das ist gut so."





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